Frau Christiane Hoffmann: Warum die Armenier-Resolution nötig ist!

Sehr geehrte Frau Christiane Hoffmann,

mit Erschrecken haben wir Ihre Aussagen in der gestrigen Sendung „Anne Will“ verfolgt. Ihre Beiträge zu der vom Bundestag geplanten Resolution der Anerkennung des Genozides an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten waren weder durchdacht noch stichhaltig.

Sie verstehen nicht, warum die Resolution nötig ist?

Zunächst einmal ist der Genozid ein historischer Fakt. Seit 101 Jahren kämpfen die Nachfahren der Überlebenden des Völkermordes an den Armeniern um Gerechtigkeit. Und seit 101 findet keine Anerkennung des Leides der Opfer statt, welche nicht per Zufall oder in Kriegswirren – wie die ‪‎Türkei‬ gerne argumentiert – umgekommen sind. Wir empfehlen Ihnen die SPIEGEL-Reihe „Wir werden euch ausrotten“ Ihres ehemaligen Kollegen Wolfgang Gust.

Es ist uns zudem schleierhaft, wie Sie das bloße Nennen einer historischen Wahrheit als „Anklage“ werten können. Ihre Argumentation in Bezug auf Ihre Ablehnung der Völkermord-Resolution nehmen wir Ihnen nicht ab. Ihrem SPIEGEL-Artikel vom 12. März nach zu urteilen, legt sich nämlich der Verdacht nah, dass Sie von gemeinsamen Interessen, auf die Sie aktuell fokussiert in der Flüchtlingsthematik plädieren, geleitet werden. Bereits 1915 waren gemeinsame Interessen der Grund dafür, dass man seinen türkischen Bündnispartner bei der Vernichtung seiner eigenen christlichen Bürger gewähren ließ und zu diesem Verbrechen schwieg. Nun nehmen Sie erneut gemeinsame Interessen zum Anlass, den selben Bündnispartner in seiner Leugnung des zuvor unterstützten Genozids unter die Arme zu greifen und eine lange Zeit verschwiegene Wahrheit nicht auszusprechen. Sie begünstigen damit eine Zensur zu diesem Thema in Deutschland, die bereits ab 1915 vom Deutschen Kaiserreich durchgeführt wurde. Sie fallen den mutigen und aufrichtigen ‪‎Türken‬ in der Türkei, die beim Aussprechen dieser Wahrheit ihr Leben riskieren, in den Rücken.

Sie verstehen nicht, warum diese Resolution – gerade in Deutschland – nötig ist?

Sehr geehrte Frau Hoffmann. Wieder Ihrem ‪‎SPIEGEL‬-Kollegen haben wir die Webseite www.armenocide.de zu verdanken. Dort sind sämtliche diplomatische Aktenstücke des Auswärtigen Amts zum Genozid online abrufbar. Versuchen Sie es mal. Dann werden Sie nämlich sehen, wie stark die Eingriffsmöglichkeiten des kaiserlichen Deutschlands waren. Die Konsularbeamten haben nicht eingegriffen und die Rolle des Protokollanten der armenischen Vernichtung eingenommen. Selbst als der Krieg zu Ende war, sind die Machthaber des osmanischen Reiches – obwohl in der Heimat für ihre Verbrechen an den Armeniern zum Tode verurteilt – mit Hilfe der Deutschen nach Berlin in Sicherheit gebracht worden. Talaat Pascha ist nach seinem Tod in einem pompösen Staatsakt in die Türkei überführt worden und hat dort ein Ehrengrab erhalten. Andere Völkermörder liegen dagegen bis heute in Deutschland selbst in Ehrengräbern auf dem Türkischen Friedhof ‪‎Berlin‬ begraben. Eine Schande!

Keine Angelegenheit zwischen der Türkei und Armenien

Der Genozid am armenischen Volk, Frau Hoffmann, ist keine Angelegenheit zwischen der Türkei und Armenien, wie Sie es mit Ihren Aussagen bei ‪‎Anne Will‬ suggerieren. Alleine dieser kleine Abriss zeigt, dass es ebenso einen Teil der deutschen Geschichte darstellt und folglich diese Resolution nötig ist!

Es handelt sich nicht um irgendeinen Völkermord, der Deutschland nichts angeht. Das suggerieren Sie nämlich ein weiteres Mal mit Ihrem undurchdachten Vergleich der offiziellen Anerkennung des Armeniergenozids mit der nicht-Beschäftigung des Bundestages mit der Kolonialvergangenheit der Franzosen. Ihre Aussagen lassen darauf schließen, dass Ihnen die tatsächliche Rolle Deutschlands beim türkischen Völkermord – in seinem ganzen Ausmaß – nicht bewusst ist.

Der Völkermord wirkt noch in diese Tag: Stellen Sie sich vor, Sie lebten in einem Deutschland, dass immer noch den ‪Holocaust‬ leugnen würde – wäre dies nicht die Fortsetzung der Tat? Das Leugnen, Relativieren und Abstreiten tötet die Opfer ein zweites Mal hat Elie Wiesel gesagt. Unabdingbar für die Versöhnung ist eine ehrliche Aufarbeitung der Geschichte und das Anerkennen von Verantwortung und historischer Schuld. Nur dann ist Verzeihen und die Entwicklung friedlicher und normaler Beziehungen möglich. Das Sie dies als „historische Moralpredigt“ abtun ist schlimm.

Der Völkermord wird mit katastrophalen Folgen geleugnet

Und auch Ihr Argument „Völkermord gehört in den Internationalen Strafgerichtshof und nicht in den ‪‎Bundestag‬“ ist nicht nachvollziehbar. Vor welchem Gericht soll denn verhandelt werden? Etwa dem Internationalen ‪Strafgerichtshof‬ (IStGH), dessen Gerichtsbarkeit sich nur auf Verbrechen erstreckt, welche nach dem Inkrafttreten des Römischen Statuts (01.07.2002) begangen wurden? Wer soll nach Ihrer Meinung heute für den Genozid an den Armeniern von 1915 auf die Anklagebank? Kennen Sie die Istanbuler Prozesse? Ist Ihnen bekannt, dass im Angesicht der Vernichtung der ‪‎Armenier‬ am 24. Mai 1915 zum ersten Mal von “Verbrechen gegen die Menschheit und gegen die Zivilisation“ gesprochen wurde? Heute ist dieser Grundsatz in den Statuten des Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) aufgenommen worden. Bis es so weit war ist, sind noch viele Völkermorde geschehen. Doch nur im Falle der Vernichtung des türkischen Genozides an den Armeniern wird weiterhin so vehement und aggressiv geleugnet – mit katastrophalen Folgen für die Nachkommen der Überlebenden, die weltweit in der Diaspora leben und sich rechtfertigen müssen.

Eine Versöhnung und Aufarbeitung darf nicht länger auf Kosten der Armenier und des Andenkens an die Opfer des Völkermordes stattfinden. Insbesondere nicht in Deutschland, dem Land, dass eine Mitschuld am Völkermord trägt. Frau Hoffmann, bei Völkermord, so hat es Norbert Röttgen richtig in der Sendung gesagt, hört die diplomatische Rücksichtnahme auf!

Wir würden uns freuen, wenn es Ihnen gelänge auch die Perspektive der Nachfahren der Opfer des Völkermordes einzubeziehen, die allesamt eine überfällige politische Antwort auf eine jahrhundertelange politische Leugnung fordern.