Historikerkommission und der Völkermord an den Armeniern: Faktizität muss anerkannt werden

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident,
sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
sehr geehrte Ministerinnen und Minister,
sehr geehrte Mitglieder des Bundestages,

seit Jahren schon müssen wir – die Nachkommen der Opfer des Völkermords an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten – erleben, wie die Faktizität des Völkermords seitens vieler Türken weltweit, aber insbesondere in Deutschland, in Frage gestellt und ein angemessenes Gedenken sowie eine überfällige Aufarbeitung damit unmöglich gemacht wird. Wir sind es nach über 100 Jahren leid, die Faktizität des Völkermords, die von der internationalen Geschichtswissenschaft und von bereits stattgefundenen Historikerkommissionen bestätigt wurde – immer wieder ausdiskutieren zu müssen. Wir dachten, dass wir mit einer Anerkennung des Völkermords seitens Deutschland – auch mit Hinblick auf seine Mitschuld bei diesem Völkermord – endlich davon befreit wären.

Das unsere Bundeskanzlerin Frau Angela Merkel – die an der Abstimmung zur Armenien-Resolution nicht teilnahm – eine Historikerkommission (die bereits mehrfach stattfand) zur erneuten Bewertung der Ereignisse wünscht, ist mit Hinblick auf Frau Merkels Umgang mit dieser Thematik zumindest auf politischer Ebene vorhersehbar.

Wir sind jedoch verwundert, dass Bundestagspräsident Norbert Lammert dieses türkische Leugnerargument einer Historikerkommission jüngst bei einem Treffen mit der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD) aufgegriffen hat, obwohl der Völkermord von ihm selbst zuvor unmissverständlich und eindrucksvoll als solcher klassifiziert wurde. Historikerkommissionen fanden seit 2001 mehrfach statt. Dennoch fordert die Türkei immer wieder, obwohl mehrfach stattgefunden und die Ergebnisse bekannt sind, die Einberufung einer solchen Historikerkonferenz im Rahmen ihrer Leugnungskampagne und behauptet beharrlich weiter, dass Armenien dies verhindern würde.

In Namen der Aufklärung und Aufarbeitung dieses Völkermords und im Namen der Versöhnung bitten wir eindringlich darum, dieses türkische Argument der Historikerkommission – welches stattgefundene Kommissionen und deren Ergebnisse ignoriert – nicht weiter aufzugreifen. Auch bitten wir zu berücksichtigen, dass es eine (leider noch zu geringe) Zahl von türkeistämmigen Menschen in Deutschland gibt, die sich nicht von der TGD instrumentalisieren lassen wollen und ebenso wie Sie, sehr geehrter Herr Bundestagspräsident, die klare Benennung von Verbrechen als den Beginn der Versöhnung sehen.

Wir bitten zudem um Weiterleitung des aktuellen Stands bezüglich des Themas der Historikerkommission, da wir mit Bedauern feststellen müssen, das elementare Erkenntnisse über Kommissionen zur Bewertung des Völkermords an den Armeniern nicht bekannt zu sein scheinen:

  1. Die Türkisch-armenische Versöhnungskommission (TARC) wurde 2001 gegründet und beauftragte das „International Center for Transitional Justice, ICTJ“ mit der Untersuchung der Anwendbarkeit der 1948 beschlossenen Genozidkonvention auf die Ereignisse von 1915. Am 4. Februar 2003 kam das ICTJ zu dem Urteil, dass die Ereignisse von 1915 alle Straftatbestände der Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes erfüllen.
  2. Eine internationale Historikerkonferenz mit 160 Historikern beschäftigte sich vom 1. bis 3. März 2015 in Berlin mit den Ereignissen von 1915. Das Ergebnis: Die Mehrheit der Historiker stufte die Vorgänge als Völkermord nach der entsprechenden UN-Konvention aus dem Jahr 1948 ein.

Bei weiteren Fragen zum Thema der Historikerkommission und anderen Sachverhalten in Bezug auf den Völkermord an den Armeniern stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Primärquellen und Urteile finden Sie zudem übersichtlich zusammengefasst unter: www.anerkennung-jetzt.de/faq