Im Rahmen der Abgeordnetenhauswahl 2016 in Berlin haben wir unsere Wahlprüfsteine bestehend aus 6 Fragen, in Bezug auf die Erinnerung des Völkermords an den Armeniern in Deutschland, an die Kandidaten des Abgeordnetenhauses geschickt.

Jiyan Durgun, DIE LINKE Friedrichshain-Kreuzberg

1. Wie ist Ihre Haltung zum Genozid an den Armeniern?

Meine Haltung zum Genozid an Armeniern ist ganz klar! Als Kurdin und auch Alevitin, erleiden wir seit Jahrhunderten massenhaft Genozide. Die Genozide an Eziden und Aleviten sind ähnlich, wie die der Armenier, wenn nicht sogar identisch. Daher solidarisiere ich mich mit dem armenischen Volk.

2. Welche Lehren müssten aus der Leugnung des Genozides an den Armeniern gezogen werden?

In erster Linie müsste sich der türkische Staat dazu bekennen, dass ein Völkermord an Armenier stattgefunden hat. Solange dieser Schritt nicht getätigt ist, kann ein friedliches Gespräch, zu diesem Thema nicht stattfinden und eine Lehre kann nicht gezogen werden. Die Armenien-Resolution in Deutschland, war der Erste Schritt zur Gerechtigkeit für die armenische Bevölkerung. Doch hierbei entsteht auch zugleich ein Kritikpunkt. Dass an dem Tag bspw. die Kanzlerin und andere Vertreter der Regierung nicht anwesend waren, ist ein Zeichen dafür, dass dieses Thema noch nicht ganz akzeptiert und vor allem verstanden wurde. Vor allem die deutsche Bundesregierung müsste aufgrund der Lehren aus der Nazi-Zeit, als Vorreiter eines solchen Völkermords agieren, bei dem sie ebenso nicht ganz unschuldig waren. Doch der schmutzige Deal zwischen der Regierung und Erdogan ist auch hier eine Blockade. Solange eine derartige Kumpanei bestehend ist, kann hieraus keine Lehre gezogen werden. Das zeigen auch die jüngsten Ereignisse der deutschen Bundesregierung, welche sich auf Druck des türkischen Despoten Erdogan erpressen lässt und von einer Distanzierung spricht.

3. In Berlin haben mehrere Demonstrationen von Leugnern des Genozid an den Armeniern stattgefunden. Als klares Zeichen gegen Leugnung von Menschheitsverbrechen hat der Landtag von Rheinland-Pfalz als erstes Bundesland im Mai 2015 in einer interfraktionellen Erklärung die Faktizität des Genozides anerkannt. Werden Sie sich dafür einsetzten, dass im Berliner Abgeordnetenhaus ebenfalls die Faktizität des Genozides wider seiner Leugnung anerkannt wird?

Ich selbst bin Unterstützerin der HDP, welche sich als einzig bestehende Partei für alle Minderheiten in der Türkei einsetzt. Hierzu gehören ebenfalls und vor allem, die armenische Bevölkerung. Als Aktivistin der HDK-Berlin und überzeugte Erdogan Kritikerin, werde ich mich selbstverständlich auch für die Interessen der Armenierinnen und Armenier einsetzen. Hierzu gehört in Erster Linie der Völkermord an Armeniern und allen Minderheiten in der Türkei. Die Anerkennung der Völkermorde in der Türkei, spielen in der Außenpolitik Deutschlands eine wichtige und ernstzunehmende Rolle. Auch ist der Land- und Bundestag dazu verpflichtet, sich von derartigen Demonstrationen und Leugnern zu distanzieren und eine klare Haltung zu diesem Thema einzunehmen.

4. Der Bundestag hat im Juni den Genozid an den Armeniern offiziell anerkannt. In dieser Resolution, die von der Bundestagsfraktion Ihrer Partei Zustimmung erhalten hat, kommt den Ländern, mittelbar damit auch Ihnen, eine Verantwortung zu, die in der Resolution folgendermaßen umschrieben wurde: „Heute kommt schulischer, universitärer und politischer Bildung in Deutschland die Aufgabe zu, die Aufarbeitung der Vertreibung und Vernichtung der Armenier als Teil der Aufarbeitung der Geschichte ethnischer Konflikte im 20. Jahrhundert in den Lehrplänen und -materialien aufzugreifen und nachfolgenden Generationen zu vermitteln. Dabei kommt insbesondere den Bundesländern eine wichtige Rolle zu.“ Werden Sie als Mitglied des Abgeordnetenhauses befördern, dass in Berlin der Genozid an den Armeniern in die Lehrpläne aufgenommen wird? Wie wollen Sie das umsetzen?

Meiner Meinung nach folgte diese Anerkennung viel zu spät. Doch ein großer Schritt war dieser, ganz klar!
Selbstverständlich muss der Genozid an Armeniern in die Lehrpläne mit einfließen. Da ich mich in meinen Hauptschwerpunkten um die Bildungs- und Integrationspolitischen Themen kümmere, ist dies natürlich eines der Aufgaben welche mich betreffen. In Erster Linie muss hier Druck auf den Senat ausgeübt werden. Doch außer dem Senat muss es zu einer erstzunehmenden Thematik seitens der Schulen und der Lehrkräfte kommen. Hierbei dürfen Lehrkräfte und Schulen keine Ausnahmen bilden. Es muss zur Pflicht aller betroffenen Lehrkräfte werden, sich dieses Thema anzueignen.
Ebenso muss es die Aufgabe des Senats sein, ein Konflikt zu diesem Thema zwischen Schülerinnen und Schülern zu verhindern. Dieses Thema, darf kein Thema sein, über das man erst diskutieren müsste. Es muss ein klar, ernstzunehmendes Thema sein und ebenso vermittelt werden.

5. Berlin ist die Partnerstadt von Istanbul. Werden Sie sich und wie wollen Sie sich dafür einsetzten, dass in Berlin an den Genozid an den Armeniern adäquat erinnert wird?

Ein symbolisches Zeichen wie ein Denkmal wäre hier vielleicht der Erste Schritt, zur Anerkennung und Erinnerung an den Genozid der im Jahre 1915 stattgefunden hat. Vor nicht allzu langer Zeit wurde der Journalist Hrant Dink seitens eines türkischen Faschisten auf offener Straße kaltblütig ermordet. Dies wäre meiner Meinung ein ehrenwertes Denkmal, welches in Berlin an einem zentralen Ort seinen Platz hätte. Hierfür sollten und würden sich meiner Meinung nach die Genossen innerhalb der Partei welche ich vertreten würde, ebenso solidarisch mitbestimmen. Dies zeigt natürlich der Partnerstadt Berlins, dass der Mord, der auf ihrem Boden stattfand nicht in Vergessenheit geraten wird.

6. Werden Sie mit Vereinen und Organisationen zusammenarbeiten, die den Genozid an den Armeniern in Deutschland bestreiten und dessen Thematisierung zu verhindern versuchen?

Ich denke meine Haltung und meine Herkunft spricht für sich, was diese Thematik angeht. Vereine und Organisationen, welche den Genozid an Armeniern bisher leugneten, entlarvten sich meist als türkisch-faschistische Vereine und Organisationen. Ich persönlich bin der Meinung, dass derartige Vereine nicht mehr weiter unterstützt werden sollten, vor allem seitens der deutschen Bundesregierung. Das überleben derartiger Vereine und Organisationen, würde weiterhin die Leugnung aller Morde an Minderheiten in der Türkei bedeuten und das muss untersagt werden!
Vereine und Organisationen die einen Drang zum Rassismus und Faschismus haben, welche sich wie schon betont einer Leugnung hinziehen oder einen Genozid wie diesen an Armeniern als eine „Lüge“ bezeichnen, sollten strengstens kontrolliert und hinterfragt werden.

Als Endsatz möchte ich mich ganz herzlich für das Interesse an dieser Thematik bedanken. Ich selbst stamme aus einer Region in der Türkei, in der im 20. Jahrhundert hauptsächlich Armenier lebten. Heute noch leben teilweise Armenier mit uns friedlich im Zusammensein. Die Geschichte, Kultur, Sprache und Herkunft der Armenier sollte näher studiert werden und nicht in Vergessenheit geraten. Denn Armenier sind ein Urvolk Mesopotamiens und sollten den Widerstand um ihre Existenz weiter ausbauen.

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